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Portrait der Münchner Gesellschaft für Neue Musik

Bereits seit fast 100 Jahren ist der Begriff „Neue Musik„ virulent. Man fragt sich: Was bedeutet er eigentlich? Bezeichnet er eine noch unabgeschlossene Epoche? Oder jeweils nur gegenwärtige kompositorische Praxis? Markiert er eine bestimmte ästhetische Position? Oder verdankt sich seine Langlebigkeit schlichtweg der Ratlosigkeit angesichts immer unüberschaubarer werdender Musikkultur? In alle dem steckt jeweils ein Stück Wahrheit.

Doch eine „Gesellschaft für Neue Musik„ ist auf jeden Fall immer eines: Ein Club für Hörabenteurer, die sich mit dem allgegenwärtigen rein kommerziellen Musikangebot nicht zufrieden geben wollen. Der Gewinnmaximierung durch mehr oder weniger geschickte Aufbereitung des immer gleichen winzigen Ausschnitts aus dem riesigen Feld musikalischer Möglichkeiten steht hier die pure Lust, auch das intellektuelle Bedürfnis gegenüber, sich als Hörer durch immer neu geschaffene Stille-/Klang-/Geräuschkonstellationen herausfordern zu lassen; die Lust, als Komponist oder Musiker das menschliche Hören, Fühlen, Denken immer wieder anzufeuern. Man ahnt es: Das ist keine Sache für Millionen, eher etwas für die kleine, wenn auch wachsende Schar derjenigen, die dem „Wirklichkeitssinn„ einen „Möglichkeitssinn„ (Robert Musil) zur Seite stellen wollen. Ohne diesen Möglichkeitssinn, den Kunst immer auch produziert, büßen wir letztendlich viele Chancen ein, Lösungen zu finden für drängende Probleme – eben nicht nur musikalischer Art.

Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert gilt es verstärkt, diesen Sinn zu bewahren und durchzusetzen: gegen die umfassende Kommerzialisierung und Historisierung des Musikbetriebs und – damit unmittelbar zusammenhängend – gegen das zunehmende Beharren breiter Hörerschichten auf dem einmal Bewährten. So trafen sich am 11. August 1922 in Salzburg einige der damals tonangebenden Komponisten wie Béla Bartók, Paul Hindemith, Arthur Honegger oder Anton Webern, um im (noch heute existierenden) Café Bazar die Internationale Gesellschaft für Neue Musik, kurz IGNM (englisch: ISCM) zu gründen. Seitdem entstanden zahlreiche nationale Sektionen (auch in Ländern wie Südkorea, Rumänien oder Tatarstan), fanden in der Regel jährlich die Weltmusiktage mit Beiträgen aus allen Mitgliederländern statt, wurden aber auch zahlreiche lokale Sektionen gegründet.

München hatte zwar in den 20er Jahren und während der Hartmann-Ära (Gründer der Konzertreihe musica viva) nach 1945 ein sehr lebendiges Neues Musik-Leben, eine Münchner Sektion in der Tradition der IGNM wurde jedoch erst im Jahr 1996 Wirklichkeit. Die Initiative erwuchs aus der Unzufriedenheit eines zunächst kleinen Kreises aus Musikern, Komponisten, Musikjournalisten und Musikwissenschaftlern über den Mangel an kulturpolitischem Gemeinsinn der in München existierenden Initiativen, und über den schweren Stand, den etwa Ensembles für Neue Musik in dieser Stadt hatten (und nach wie vor haben). Nach einem Jahr intensiver Diskussionen und Vorbereitungen fiel mit dem Gründungsfest am 7. September 1996 auf dem Aktionsforum Praterinsel der Startschuß für die MGNM.

Sie widmet sich – so besagt es die Vereinssatzung „der Förderung und Verbreitung Neuer Musik im weitesten Sinne. Sie ist dabei offen für alle ästhetischen Ansätze und betrachtet sich als Forum, auf dem verschiedenartige Positionen vorgestellt und diskutiert werden können.„ Damit der große Reichtum hiesigen Kunstmusikschaffens wenigstens einmal im Jahr unter einem Dach begreifbar wird und zur Entfaltung kommt, sind seither alle Komponisten und Musiker aus München und Umgebung ohne Ansehen der vertretenen ästhetischen Richtung eingeladen, mit einem Beitrag das jährliche Musikfest zu bereichern. Die Resonanz ist angesichts der Tatsache, dass keine Honorare gezahlt werden, nicht anders als phänomenal zu bezeichnen. Offenbar lassen sich auch renommierte Solisten und Ensembles immer wieder gerne auf die eher lockere Festatmosphäre ein. Und junge Komponisten und Musiker nutzen gerne die Chance, sich einem aufgeschlossenen Publikum (das in den letzten Jahren stets gewachsen ist) zu präsentieren. Bisher reichte das gebotene Spektrum von eher traditionellen kompositorischen Ansätzen über experimentelle Werke mit teils ungewöhnlichem Instrumentarium bis hin zu teils improvisatorischen Performances, darunter zahlreiche Ur- und Erstaufführungen. Neben den ungefilterten, fast durchweg spannenden Hörerlebnissen kam es zu zahlreichen Begegnungen, die immer wieder auch zu Musikprojekten außerhalb der MGNM geführt haben.

Die MGNM veranstaltet öffentliche Symposien zu verschiedenen Themen im Bereich Neuer Musik (bisher etwa „HörenLernen! Neue Musik und Schule„, „Das Ganze. Ein Versuch„ oder „Ornamentik in der Neuen Musik„), die jeweils in Kooperation mit dem Orffzentrum, der Musikbiennale oder dem Pfingstsymposium stattgefunden haben. Auch gibt es seit 2001 ein regelmäßiges (offenes) Diskussionsforum, das allen Interessierten offen steht und vom Münchner Komponisten Bernhard Weidner geleitet wird. In Zukunft wird es für die MGNM angesichts schrumpfender Kulturhaushalte verstärkt darum gehen, Gemeinsamkeiten der verschiedenen Initiativen im Bereich Neuer Musik im kulturpolitischen Bereich aufzudecken und öffentlich zu vertreten. In welchem Maße die MGNM als integrierendes Instrument im Dienst der Neuen Musik hier Stoßkraft zu entwickeln vermag, hängt allerdings auch davon ab, inwiefern es gelingen wird, neue aktive Mitglieder für interessante Ehrenämter zu gewinnen.

Die MGNM wird vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München gefördert


 

 



Die MGNM e.V. wurde 1996 gegründet. Sie versteht sich als Organisation zur Vernetzung der vielfältigen Initiativen im Bereich der zeitgenössischen Musik in München und als Forum für Interessierte. Pluralismus der künstlerischen Standpunkte ist seit der Gründung die Basis der MGNM-Arbeit. Über eine Bündelung der Kräfte ist eine starke kulturpolitische Vertretung der Neue-Musik-Szene angestrebt. Der Austausch zwischen bestehenden Initiativen, zwischen Hörern und Machern sowie mit anderen Zentren der zeitgenössischen Musik wird gefördert. Die Arbeitsgruppen der MGNM – Theorie, Konzerte, Strategie – dienen diesen Zielen u.a. mit Symposien sowie Gesprächs- und Themenkonzerten. Damit wird ein spannendes musikkulturelles Konturbild Münchens präsentiert, welches die Attraktivität des zeitgenössischen Komponierens in München unterstreichen und verstärkt ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken soll.